Glosse, erschienen in der Zeitschrift “Familie&Co”

„Bei Ihnen duftet es ganz vorzüglich. Kochen Sie neuerdings exotisch?“, fragte mich unsere Nachbarin neulich. „Nee, bei Lea und Pauline krabbeln Tiere aus dem Kopf. Die kriegt man in der Schule. Mami tut sie mit Duft weich machen“, gibt meine jüngste Tochter bereitwillig Auskunft. Die alte Dame schaut uns entsetzt an, ich nicke stumm. Ertappt! Ja, meine Mäuse haben Läuse, und um die lausigen Eier, die Nissen, loszuwerden, tropfe ich abwechselnd warmes Rosmarin-, Kokos- oder Teebaumöl auf die Kinderschöpfe, übergieße sie mit heißem Essigwasser oder massiere teures Papaya-Shampoo ein. Bewährte Hausmittel, heißt es im Internet. Doch die klebrigen Nissen fühlen sich offensichtlich wie auf der Beauty-Farm. Sie genießen – und bleiben. „In zwei Tagen ist das Schlimmste vorbei“, hatte der Arzt mit einem kurzen Blick auf die Kinder gesagt, die die Arzthelferin in die Besenkammer seiner Praxis gesperrt hatte, und mir ein Rezept in die Hand gedrückt. „Ach, Sie auch, Sie Arme“, meinte die Apothekerin mitfühlend, reichte mir aus sicherer Entfernung eine Flasche Insektengift und einen feinzahnigen Metallkamm. „Die halbe Schule war schon hier.“ Was? Wieso wusste ich davon nichts? Empört rief ich den Direktor an. „Es gibt kein Läuseproblem. Wir wollen doch die ein, zwei Fälle nicht an die große Glocke hängen“, erklärte er. „Das würde den guten Ruf unserer Schule ruinieren.“ „Meiner ist es bereits dank Ihrer Hilfe“, rief ich ins Telefon und legte auf.

Drei Tage und zwei Flaschen Gift später: Auf den Köpfen meiner Kinder existiert kein Leben mehr, nur noch ab und zu eine Nisse, die ich mit irrem Blick zerquetsche. Die Kinder gehen wieder zur Schule, ich bleibe zu Hause. Ziehe täglich die Betten ab, wechsle alle Handtücher, lasse die Waschmaschine auf Hochtouren laufen und verkoche den Inhalt unsere Tiefkühltruhe. Statt Fischstäbchen und Pommes versinken jetzt Kuscheltiere samt möglichen Nissen im ewigen Eis. Unsere Nachmittage und Abende verlaufen eintönig. Fernseher an, Haare durchforsten, verklebte Strähnen abschneiden. Freunde und Nachbarn meiden den direkten Kontakt, ab und zu ruft jemand an oder steckt putzige Botschaften in den Briefkasten: „Haltet durch“ oder „Lausige Zeiten, was?“. Die Pizza-Lieferanten kommen und gehen, die Nissen bleiben. Fast vier Wochen. Kurz bevor ich in die geschlossene Anstalt eingeliefert werden muss, sind sie weg, Doch aus der geplanten Siegesfeier meine Kinder wird nichts, fast alle Klassenkameraden sind inzwischen verlaust. Der Kampf geht weiter.

Seiher wache ich jede Nacht schweißgebadet aus dem gleichen Traum auf: Ich baumle mit dem linken, mittlerweile stark behaarten Arm an der Deckenleuchte, mit dem rechten stopfe ich mir bündelweise Bananen in den Mund. Dann springe ich auf den Küchentisch, trommle mir rhythmisch mit beiden Fäusten auf die behaarte Brust und … An dieser Stelle weckt mich mein Mann immer, weil ich anfange, ihm im Schlaf die Haare zu lausen. „Alles wird gut“, sagt er und nimmt meine Pranke in seine. Dann schlafe ich wieder ein.

© Barbara Rose