Glosse, erschienen in der Zeitschrift „Brigitte“

Ein entsetzlicher Anblick: meine sechsjährige Tochter windet sich mit verzerrtem Gesichtsausdruck auf dem Teppich. Reckt die Hände gen Himmel, pfeift stoßweise Luft aus, rollt die Augen. Robbt auf allen Vieren durch den Raum, um dann in sich zusammen zu fallen wie ein Luftballon, dem man den Todesstoß versetzt hat. Sieht mich, die ich teilnahmslos in der Tür lehne, verzweifelt und Hilfe suchend an. 32 Sekunden. Neuer Rekord. Beeindruckende Vorstellung. Und das alles nur, weil ich die winzig kleine Frage gestellt hatte, ob sie denn nicht einmal ihren Badeanzug selber suchen könnte. Für den Schwimmkurs, der in exakt 20 Minuten ohne meine Tochter anfangen wird, wenn wir den verflixten Badeanzug … Halt, die Vorstellung geht noch weiter. Jetzt kommt das Beste. Mit ersterbender Stimme, das Köpfchen mit dem niedlichen Blondhaar putzig in meine Richtung gereckt, flüstert sie mir zu: „Kannst du nicht für mich suchen, Mami? Du findest doch immer alles!“

Ja, das stimmt. Ich finde immer alles, Denn ich bin eine Suchmaschine. Entdecke Lieblingspuppen im Geschirrschrank, fische Fahrradschlüssel aus dem Obstkorb, ziehe Schulhefte mit lässigem Griff unter den Sofakissen hervor. Die perfekte Suchmaschine. Einsetzbar für alle Fälle. Dabei gebe ich mir noch nicht einmal besonders viel Mühe. Was meine Suche so effektiv macht, ist die schlichte Tatsache, dass ich überhaupt suche. Wenn das Suchen-Können genetisch bedingt ist, kommen meine beiden Töchter ganz nach ihrem Papa. Der stellt sich beim Suchen mitten in den Raum, dreht sich zweimal im Kreis, runzelt die Stirn, schlenkert seine Arme ruckartig ein- bis zweimal in verschiedene Richtungen. Danach lässt er sich mit den schlichten Worten „Ich kann es einfach nicht finden“ ermattet aufs Sofa fallen.

Hübsch auch die Varianten meiner jüngeren, vierjährigen Tochter beim Suchen. Von „Find ich nicht. Is ins Klo gefallt“ beim verlorenen Zimmerschlüssel über „Hat der Papa versteckt“ bis hin zu „Sind eh doof. Gehe ohne Schuhe“, wenn es um die vermissten Gummistiefel geht. Auch sie hat mittlerweile längst begriffen, dass die Suchmaschine sofort anfängt zu arbeiten, wenn wir unter Zeitdruck stehen und irgendwelche Kindertermine haben. Was meistens der Fall ist. Manchmal stelle ich mir vor, wie es aussehen würden, wenn ich in unserem Haus alle Bilder abhängen würde. Und stattdessen überall Sommermützen, Kinderschuhe, Haarspangen oder Kuscheltiere aufhängen würde. Das wäre ein Waaahnsinns-Erleichterung für mich. Denn endlich würde ich mit einem Griff alles finden. Und nicht ständig suchen müssen.

Heute wollte ich mit meinem Mann ins Theater. Als ich gerade meine Stöckelschuhe zum Abendkleid anziehen wollte, geschah das unfassbar Normale: Mein Mann schlug sich erschrocken auf die Brusttasche seines Smokings und stöhnte mit heiserer Stimme und flehendem Blick: „O Gott, wo sind die Karten?“ Ich habe sie dann wortlos aus der Sockenschublade hervorgezogen, den Autoschlüssel aus seiner Tennistasche gekramt und bin gegangen. Allein. Auch eine Suchmaschine braucht ab und zu eine Auszeit.

© Barbara Rose